The Naked City (III): O, du fröhliche!
Wurde aber auch Zeit: Tannen, Elfen, Glühweinbuden
Schon toll, wie unser Düsseldorfer Erfolgs-OB das alles schafft: Morgens hisst er noch die erste „Eurovison Songcontest“-Flagge vor dem Rathaus, abends eröffnet er schon zusammen mit dem norwegischen Generalkonsul den Weihnachtsmarkt. Zwischendurch findet er noch immer wieder Zeit, für den Fotografen seines Presseamtes zu posieren. Denn der aktuelle Infobrief der Stadt zeigt Herrn Elbers nicht nur bei den beiden oben genannten festlichen Anlässen, sondern gleich darunter noch bei zwei anderen Aktivitäten. Überhaupt scheint der einzige Existenzgrund dieses Newsletters zu sein, die Allgegenwart des Oberbürgermeisters zu illustrieren. Mein Journalismus-Professor meinte mal, die Qualität einer Kunden- oder Mitarbeiterzeitung erkenne man daran, wie oft der Chef auf den Fotos abgebildet ist: Je öfter, desto schlechter die Zeitung. Der Düsseldorf-Infobrief kommt diesmal auf vier OB-Abbildungen in den ersten vier Meldungen. Neuer Rekord?
Sonst sieht es aber nicht wesentlich anders aus. Dass die Stadt neben dem OB auch noch andere Bürgermeister hat, scheint man im Presseamt nicht zu wissen, die dürfen nämlich nie mit auf die schönen Fotos. Kommen ja auch von anderen Parteien, nee, das geht natürlich nicht. Und überhaupt, du sollst keine anderen Chefs haben neben mir, sagte ja schon der ein oder andere Obermotz, der an noch höherer Stelle sitzt als der Herr Elbers. Vielleicht habe ich aber auch irgendwas verwechselt und das ist gar nicht der Newsletter der Stadt, sondern der der städtischen CDU, den ich da abonniert habe. Nur warum der anscheinend vom Presseamt der Stadt erstellt wird und damit aus Steuergeldern, ist mir noch nicht so ganz klar.
Naja, immerhin hätte ich ohne Infobrief die freudige Botschaft verpasst, dass der Weihnachtsmarkt endlich eröffnet hat. Ich dachte schon: Was ist denn los, ich fresse schon drei Monate Lebkuchen und immer noch keine Glühweinbuden auf den Straßen? Jetzt steht also endlich eine schöne große Lillehammer-Tanne vor dem Rathaus. Hoffentlich versperrt sie dem Oberbürgermeister nicht den Weitblick, der ihn so auszeichnet. Und dann hört man in der Altstadt bald auch endlich wieder fremde Idiome wie Niederländisch, Flämisch und … äh … Holländisch. Ohne Weihnachtsmärkte würden die europäischen Nachbarn ja immer noch denken, wir Deutschen ernährten uns nur von Weißwürsten und Bier. So können sie wenigstens einmal im Jahr sehen, dass sich nach Glühweinmissbrauch genauso gut kotzen lässt.
Auch in den Geschäften herrscht endlich wieder Weihnachtsstimmung. In mancher großen Buchhandlung sieht man zum Beispiel vor lauter Geschenkplunder und Schokonikoläusen die Bücher schon fast gar nicht mehr. Das verhindert dann aber wenigstens, dass man Heiligabend den neuen Dan Brown oder den neuen Sarazzin unterm Baum wiederfindet. Für besonders festliche Atmosphäre sorgt in Düsseldorf auch in diesem Jahr wieder die einzigartige Verbindung aus Weihnachtsmarkt und U-Bahn-Großbaustelle. Der Jan-Wellem-Platz ist ein einziger großer Erlebnis- und Survivalparcours, vor dem Schauspielhaus schaffen eisige Winde zwischen den sturmgeschüttelten Buden winterliche Gefühle. Und dass einen das „Last Christmas“-Gedudel zu sehr nervt, verhindern schon die sanften Geräusche der Bagger und Bohrer. Da hakt man sich doch gerne beieinander ein und singt zu einem Gläschen Glühwein frohen Herzens: „Stiihiiile Nacht….“.
Foto: kir
