Die Krise ist immer und überall

Literatur aus dem Ruhrgebiet hat sich der Duisburger Verein Bitterschlag verschrieben. Auf einer Lesung stellte er jetzt sein erstes Buch vor, den Sammelband "Ein Ei gegen die Krise". Blogtexte, Geschichten und Gedichte, Alltag und SF, Absurdes und Nachdenkliches sind darin zu finden.

Text: Marcus Kirzynowski

Bitterschlag

Voilà: das Erstlingswerk von Bitterschlag

Die Krise kann überall sein: im Buchhandel, auf dem Arbeitsmarkt, aber auch im Bierzelt, oder sie kommt gar personifiziert zu Besuch nachhause. Jedenfalls in den kurzen Geschichten, die der Duisburger Literaturverein Bitterschlag jetzt in seinem ersten Buch versammelt hat.

Bitterschlag wurde Anfang 2009 gegründet. Sein Ziel ist, zeitgenössischen AutorInnen aus dem Ruhrgebiet ein Forum zu bieten, sei es in Buchform oder auf Lesungen. Der erste Sammelband, den der Verein jetzt auf einer Lesung in der Kulturwerkstatt Meiderich vorstellte, ist das Ergebnis eines offenen Schreibwettbewerbs mit dem Motto „Ein Ei gegen die Krise“. Die Finanzkrise war gerade in aller Munde und die nächste Vereinslesung war für kurz vor Ostern des vergangenen Jahres geplant, erklärt die Vorsitzende Cordula Bonacker das Thema. Nach einem öffentlichen Aufruf in Zeitungen und Internet, Texte einzureichen, entschieden die 19 Mitglieder, welche in das Buch aufgenommen wurden. Das hat der Verein dann per Print-on-demand verlegt.

Thorsten Küper

Steht zu seiner Internetsucht: Thorsten Küper

Die Bandbreite der Texte ist hoch, wie die Lesung in Meiderich bewies. Darunter sind viele kürzere satirische Beiträge, die oft für Blogs entstanden sind. Thorsten Küper etwa stellt die Frage, warum es als Sucht gilt, 35 Stunden in der Woche im Internet zu surfen, aber nicht, 40 Stunden die Woche zu arbeiten. Kirsten Riehl entwirft ein neues Geschäftsmodell für darbende Buchverlage: nackt schreibende Autoren sollen mehr Erotik ins Buchgeschäft bringen. In einem anderen Text thematisiert sie moderne Kommunikationsmedien am Beispiel Twitter: „Aus dem Twitter-Account der Agentur für Arbeitslosigkeit“ heißt die Satire auf absurde Aktivitäten von Arbeitsvermittlern.

Kirsten Riehl

Tweets als literarisches Stilmittel: Kirsten Riehl

Andere Beiträge sind eher literarisch im klassischen Sinne: so etwa eine absurde – allerdings nicht im Buch vertretene – Geschichte über einen Schneck, einen eineinhalb Meter großen Schneckerich, den ein Häftling als Haustier mit in seine Zelle bringt. Tragik und Komik liegen in dieser und anderen Geschichten von Markus Becker nah beieinander. Aber auch ernstere Erzählungen und Gedichte sind zu hören und im Buch vertreten. So finden sich dort auch Erinnerungen an eine Jugend in den 70ern und den skurrilen „Ratten-Willy“ von Jens Gelbhaar oder die Science Fiction-Erzählung vom Kriseneinest von Ludger Otten.

Markus Becker

Liebt das Absurde: Markus Becker

Ursprünglich wollte der Verein sich auch Kneipenliteratur widmen, einem Genre, das man sofort mit dem Ruhrgebiet assoziiert. Am 23. April 2010, gleichzeitig Tag des Buches und des Bieres, veranstalteten die Literaten deshalb einen Kneipencrawl durch verschiedene Duisburger Gaststätten, wo sie jeweils für das zufällig anwesende Publikum lasen. Dazu verteilten sie Kulturbeutel mit Infomaterial. Den Auftakt im Paulaner am Hauptbahnhof fand die Vorsitzende sehr gelungen, die Zuhörerreaktionen in den übrigen Kneipen waren höchst unterschiedlich. „In einigen lief gerade Hockey im Fernsehen, da kamen unsere Vortragenden nicht so durch“, erzählt Bonacker.

Das nächste Buch ist noch nicht konkret geplant, eine Idee für ein Thema hat sie aber schon. Das müsse aber noch unter den Mitgliedern diskutiert werden.

Bitterschlag Nr.1: Ein Ei gegen die Krise. Edition Octopus. 9,70 Euro.

Homepage des Vereins

Fotos: kir

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