Alles so schön hip hier

Während die Mieten weiter kräftig steigen, entdeckt auch die überregionale Presse inzwischen, wie angesagt doch Stadtteile wie Bilk mittlerweile sind. Kritische Stimmen finden dabei kaum Erwähnung. Ein Kommentar.

Text: Marcus Kirzynowski

Oberbilker Markt

Die Kreativen sind schon da, die Szenecafés folgen bald: der Oberbilker Markt

Was Berlin kann, kann Düsseldorf schon lange: Unser Prenzlauer Berg heißt Flingern-Nord und bei Friedrichshain und Friedrichstadt ist die Ähnlichkeit der Stadtviertel ja schon an den Namen zu erkennen. Latte Macchiato-Mütter gibt es deshalb auch am Fürstenplatz zur Genüge. Auch die Tagespresse hat in letzter Zeit entdeckt, wie hip ehemalige Arbeiterviertel in der Landeshauptstadt doch inzwischen geworden sind.

Die WZ wählt für einen Bericht über eine Pressekonferenz des Ring Deutscher Makler-Vorsitzenden Jörg Schnorrenberger entsprechend die Überschrift „Immobilien sind so sexy wie schon lange nicht mehr“. Wobei sexy hier als Synonym für „begehrt“ steht. Denn viele Mieter finden einfach keine bezahlbaren Wohnungen mehr, sind die Mietpreise doch in den vergangenen Jahren extrem gestiegen, laut WZ-Artikel in den vergangenen sechs Jahren von 8,20 Euro auf elf Euro bei Altbauwohnungen.

Man muss dem Artikel zugute halten, dass er objektiver ist als die unmögliche Headline suggeriert (die zwar ein Zitat ist, aber bei einem obkektiven Bericht trotzdem gar nicht geht). Der Chef des Maklerverbands nennt darin die Probleme auf dem Mietwohnungsmarkt schon deutlich beim Namen. Auch wenn solche Sätze irgendwie seltsam affirmativ wirken: „Was Flingern schon hinter sich hat, kann man jetzt in Oberbilk sehen. Die ersten Kreativen kommen schon, die Nachfrage nach schönen Altbauten an der Apollinaris- oder Linienstraße steigt.“

Bevor der Begriff Gentrification hierzulande bekannt wurde, hätte man sich als Oberbilker ja noch gefreut, wenn ein paar Kreative ins Viertel ziehen (obwohl es wahrscheinlich doch nicht die ersten sind, da man davon ausgehen kann, dass es selbst in „ärmeren“ Stadtteilen auch unter den Einheimischen den einen oder die andere gibt, die sich künstlerisch ausdrücken). Inzwischen blinken da aber ja gleich die Alarmsignale im Kopf auf.

Völlig absurd wird die Berichterstattung über das Thema bei der FAZ, die jetzt Bilk als neues aufstrebendes Szeneviertel entdeckt hat . Eigentlich ist das schon absurd, denn ein Szeneviertel ist Bilk schon weit länger als fünf Jahre: Studentisch geprägt ist es bereits, seit die Heine-Uni in den 60ern eröffnet hat, Programmkino und Szenekneipen gibt es teilweise schon seit mehr als 30 Jahren. Neu hinzu gekommen sind in den vergangenen Jahren im Grunde nur ein paar hippe Boutiquen und eine Handvoll Schicki-Micki-Cafés. Insofern entwickelt sich Bilk weniger zum Szene-, sondern mehr zum Bionade-Biedermeier-Viertel. So schlimm wie rund um die Ackerstraße in Flingern ist es aber zum Glück noch nicht.

Ansonsten gilt bei der FAZ nach wie vor der schöne Grundsatz „Wes’ Brot ich fress, des’ Lied ich sing.“ Da die Frankfurter wesentlich mehr Architekten, Immobilienmakler und Besitzer von Eigentumswohnungen unter ihren Abonnenten haben als Mindestrentner, Arbeitslose und hungernde Künstler, ist der Artikel auch konsequent aus der Sicht der Ersteren geschrieben. So etwas wie eine objektive Betrachtung der Entwicklung oder gar ein kritisches Hinterfragen sucht man vergebens. Die Wohnungspreise steigen kräftig, hippe kleine Geschäfte machen überall auf, die Düsseldorf Arcaden ziehen Kaufkraft ins Viertel und die neue U-Bahn-Linie ist bestimmt auch ganz toll – wenn sie denn jemals fertig wird.

Dass gerade die beiden letzteren Projekte stark umstritten waren und immer noch sind, findet eher am Rande Erwähnung und wird auch gleich wieder mit entsprechenden Zitaten abgebügelt. Dass die halbe Innenstadt vom Bilker Bahnhof bis zur Heinrich-Heine-Allee für Jahre eher einer Großbaustelle ähnelt als einer lebenswerten Umgebung, ist unwichtig. Vielleicht hätte man mal einen der Einzelhändler entlang des U-Bahn-Baus befragen sollen, die das Chaos vor ihren Läden gar nicht so lustig finden.

Die einzige halbwegs kritische Stimme kommt von einem Schmuckhändler auf der Lorettostraße. Ansonsten kann man die Tendenz des Artikels schon an den zitierten Interviewten ablesen: ein hipper Architekt, ein Großmakler, ein Vertreter des Vermieterverbands, einer der Industrie- und Handelskammer und die Gründerin der Marketinggemeinschaft auf der Lorettostraße. Die finden die schöne neue Welt der schicken Bürobauten und sanierten Hinterhöfe natürlich alle super – hatte jemand etwas anderes erwartet?

Nicht befragt hat die FAZ hingegen Vertreter des Mietervereins, der gentrifizierungskritischen Initiativen oder einfach mal eine Bilker Rentnerin, der ihre Miete inzwischen über den Kopf wächst. Aber die lesen wahrscheinlich auch alle nicht die FAZ. Also freuen wir uns mit denjenigen, die das tun, über die Sanierung eines Bürohauses auf der Elisabethstraße, über 43 neue Eigentumswohnungen an der Volmerswerther und darüber, dass die Quadratmeterpreise auf sagenhafte 2.850 bis 3.280 Euro gestiegen sind. Da ist das FAZ-Abo ja bis zum Lebensende gesichert.

Ach ja, es gibt übrigens auch noch echten Qualitätsjournalismus, zum Beispiel im WDR-Fernsehen, das am Dienstag eine Live-Reportage von einer Protestaktion gegen neue überteuerte Eigentumswohnungen in Flingern sendete (You Tube-Link) . Aber Rundfunkgebühren müssen ja auch Mieter zahlen.

Foto: Marek Gehrmann; Lizenz

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