The naked City: Feel your presslufthammer beat

Es gibt acht Millionen Geschichten in der nackten Stadt - dies ist eine davon: Mitte Mai ist halb Europa zu Gast in Düsseldorf. Sonst hätte die Stadtspitze bestimmt nicht so viel Geld für diesen Schlagerwettstreit ausgegeben. Die Düsseldorf-Kolumne im Zeichen des ESC.

Text: Marcus Kirzynowski

ESC-Baustelle

Das Leben ist eine Baustelle, der ESC auch

Eigentlich halte ich ja den „War on terror“ für ausgemachten Blödsinn. Aber diesem PR-Terror, den die Düsseldorfer Stadtspitze seit Monaten um den Eurovison Song Contest betreibt, sollte man vielleicht wirklich mal den Krieg erklären. Geht man zurzeit durch die Innen- und Altstadt, sieht man vor lauter ESC-Fahnen das Rathaus schon fast gar nicht mehr. Oder ist das gar nicht mehr das Rathaus, sondern jetzt die Zentrale der European Broadcasting Union (EBU), und ich hab das bloß wieder nicht mitbekommen, weil ich keine Lokalzeitung lese?

Apropos Lokalzeitung, wenn ich die lesen würde, würde ich ständig lesen, dass nächste Woche halb Europa in unser schönes Düsseldorf kommt. Ob das aber mit der Freizügigkeit für osteuropäische Arbeitnehmer zusammenhängt, die seit 1. Mai gilt, oder doch mit diesem wahnsinnig wichtigen Sangeswettstreit, habe ich noch nicht so ganz kapiert. Ist ja auch egal, Hauptsache die Taxifahrer freuen sich. Das weiß man ja, auch wenn man von Wirtschaft eigentlich keinen Schimmer hat: Wenn sich die Taxifahrer freuen, geht es einer Stadt gut. So gesehen ist es kein Wunder, dass es Berlin ökonomisch immer schlecht geht.

Wer sich auf jeden Fall so sehr freut, dass er aus dem Grinsen gar nicht mehr raus kommt, ist unser geliebter Oberbürgermeister. Da haut er auch gerne mal gut zehn Millionen Euro an städtischen Mitteln, sprich Steuergeldern, für dieses Megaevent raus. Immerhin ist unsere wunderbare Landeshaupstadt dafür europaweit im Fernsehen zu bewundern – ungefähr zwanzig Sekunden lang. Die sind aber bestimmt so eindrucksvoll, dass danach dann auch noch die andere Hälfte des Kontinents bei uns übernachten kommt.

Von den zehn Mille städtischen Kosten waren übrigens 2,8 Millionen für ein Behelfsstadion, in dem unser ebenfalls geliebter Fußball-Zweitligist drei Mal spielen darf, während nebenan im richtigen Stadion Lena probt. Das scheint mir wirklich mal eine sinnvolle Investition, vor allem eine – wie sagt man heutzutage so schön – nachhaltige. Das Stadion kann man bestimmt danach zusammenfalten und irgendwo im Rathauskeller einlagern, um es dann bei Gelegenheit wieder aufzubauen. Oder würden Sie knapp drei Millionen Euro für ein Gebäude ausgeben, dass Sie nur drei Mal benutzen können? Nee, so dumm kann ja keiner sein. Eben. Da das Aushilfsstadion schon bei einem eher schlecht besuchten U-Irgendwas-Spiel bedrohlich gewackelt haben soll, kann es natürlich auch gut sein, dass die Stadt es nach den Fortuna-Spielen einfach zurückgibt. Ist ja bestimmt Garantie drauf auf so nem Stadion.

ABBA

Der Sound der Baustelle: ABBA meets Bilfinger Berger

Die Baustellen von Bilk bis zum Wehrhahn werden teilweise auch gerade von ESC-Reklame verdeckt. Für den Lärm gilt das leider nicht. Aber wie heißt doch das Motto der diesjährigen Großveranstaltung so schön: „Feel your presslufthammer beat“. Ach nee, „Feel your heart beat“, ich hab da was verwechselt. Naja, sein Herz hört man eigentlich zwischen Kö und Heine-Allee vor lauter Stadtverschönerungsmaßnahmen schon länger nicht mehr schlagen, außer wenn man versehentlich in eine der Baugruben gefallen ist, aber egal. Die ganzen europäischen Touristen sollen ja schließlich für ihr Geld auch was zu sehen bekommen. Und das kennen wir ja auch aus Berlin: Je mehr Großbaustellen, desto großstädtischer wirkt so eine Stadt.

Nicht nur vor dem Rathaus ist schon jetzt täglich Rammidammi, am Samstag kommen sogar Cindy und Bert vor die Bilk-Arcaden. Wenn das mal kein musikalisches Highlight ist. Wobei sich über die musikalische Qualität eines Wettbewerbs, bei dem die Höhepunkte seiner 50-jährigen Geschichte ABBA, Guildo Horn und Nicole zu sein scheinen (die hängen jedenfalls vor den Arcaden vor der Baustelle), eh streiten lässt. Na, vielleicht gewinnt diesmal ja wenigstens Lena wieder. Dann tritt die bestimmt nächstes Jahr noch ein drittes Mal an. Und Herr Elbers könnte dann auch sein Behelfsstadion noch mal aufbauen.

Fotos: kir

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