Der Blick des mutierten Alligators

Werner Herzog wandelt in seiner neuen Doku auf der Suche nach den Ursprüngen der Kunst durch "Die Höhle der vergessenen Träume". Eine faszinierende Mischung aus Einblicken in längst vergangene Zeiten und letzten Fragen - und endlich ein Film, der 3D-Bilder sinnvoll einsetzt.

Text: Marcus Kirzynowski

Höhle 1

Vorläufer des modernen Kinos: die Bilder in der Chauvet-Höhle

„Ihre Arbeit ist, als schrieben Sie das Telefonbuch von Manhattan“, meint Werner Herzog während eines Interviews zu dem Kartografen der Chauvet-Höhle, „vier Millionen Einträge, aber Sie wissen nicht, was diese Menschen träumen, was ihre Hoffnungen und Ziele sind.“ Solche Bemerkungen macht wohl kein anderer Dokumentarfilmer. Der junge Mann, der am PC die Höhle modelliert, war früher übrigens beim Zirkus. Wie stößt Herzog immer wieder auf diese Menschen, auf Philosophen, die am Südpol Teller waschen wie in seiner Doku „Begegnungen am Ende der Welt“ oder diesen ehemaligen Artisten?

Träumer und Träume haben den Regisseur schon immer interessant. Seien es in seinen Spielfilmen Figuren wie Klaus Kinskis Fitzcarraldo, der ein Schiff über einen Berg ziehen will, um mitten im Dschungel eine Oper zu bauen, oder reale Personen wie der „Grizzly Man“, der unter wilden Bären leben will, in seinen Dokumentationen. So sind die mehr als 30.000 Jahre alten Höhlenmalereien, um die es in seinem neuen Film geht, für ihn auch Ausdruck der vergessenen Träume, die die Schöpfer der Bilder geträumt haben. Diese unvorstellbare Zeitspanne lang war die Höhle verschüttet, bis Forscher sie vor einigen Jahren in Südfrankreich entdeckten. Herzog war nun der erste Filmemacher, der in der Höhle drehen durfte – und er brachte eine 3D-Kamera mit.

Wer nach all den knallbunten in dieser Technik inszenierten Action- und CGI-Filmen der letzten Zeit schon genug hatte von diesem Effekte-Hokuspokus, bekomt hier endlich die Frage beantwortet, welchen Zusatznutzen dieses 3D eigentlich haben soll – ausgerechnet von einem deutschen Autorenfilmer, ausgerechnet in einer Dokumentation über vorzeitliche Kunstwerke. Da diese Zeichnungen von Mammuts, Pferden und Löwen reliefartig auf die sich windenden Felswände aufgebracht sind, springen sie einem förmlich entgegen, so als stehe man selbst vor ihnen. Die Bilder sind meist gestochen scharf, nicht gedoppelt wie in manchem 3D-Animationsfilm.

Höhle 2

Der Zuschauer ist hautnah dabei: Werner Herzog als Höhlenforscher

Aber für Herzog ist die Technik kein Selbstzweck. Am Wichtigsten bleiben ihm philosophische Fragen nach den Ursprüngen und dem möglichen Ende der Menschheit. Hier in dieser Urlandschaft entstand für ihn nicht nur die Kunst, sondern auch die menschliche Seele. In den achtbeinigen, Bewegung andeutenden Pferden, die wie Tiere aus einem Zeichentrickfilm wirken, sieht er auch die Ursprünge des Kinos. Kein Wunder, dass Herzog einen Film über sie machen musste. Manchmal versteift er sich dabei zu sehr auf klassische Dokumentartechniken, wenn er irgendwelche Kunsthistoriker in Schwaben interviewt (die mit dem eigentlichen Thema überhaupt nichts zu tun haben) oder einen Mann im Fell, der eine urzeitliche Flöte nachgebaut hat.

Gut ist er immer dann, wenn seine mit sonorer, bayrisch gefärbter Stimme vorgetragenen Gedanken abschweifen, er wilde Hypothesen aufstellt. Was verbindet uns mit unseren Urahnen, die hier ihre Zeichen hinterlassen haben? Was würden sie von unserer heutigen Welt denken? Und was bleibt von uns, wenn in 30.000 Jahren jemand durch unsere Wohnstätten streift? Die beiden letzten Fragen sind für Herzog nicht gerade Anlass zur Hoffnung.

Im Epilog des Films besucht er ein Atomkraftwerk, das nur 30 Kilometer von der Chauvet-Höhle entfernt an den Fluss gebaut wurde. Seine Abwässer heizen eine subtropische Treibhauslandschaft auf, in denen sich Alligatoren munter vermehren. Darunter auch mutierte Albinos, denen die Kamera ganz nahe kommt. (Alligatoren haben es Herzog in letzter Zeit besonders angetan, auch in seinem „Bad Lieutenant“ sorgten sie schon für einige Höhepunkte.) So wie der mutierte Alligator sich selbst im spiegelnden Glas betrachtet, so sehen wir unser Ebenbild in den Malereien an den Höhlenwänden. Wenn wir verschwunden sind, werden wir vielleicht nur surreale Landschaften und AKW-Reste hinterlassen haben.

Der Film läuft in Düsseldorf noch bis zum 30. November, Fr, Sa, Mo–Mi 14.15 Uhr, Mo 22:30 Uhr im Atelier, Graf-Adolf-Straße 47.

Fotos: Ascot Elite

Dein Kommentar