Die große Leere

Mit seiner "Hamlet"-Inszenierung präsentiert sich der neue Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses seinem Publikum. Statt auf Regietheater setzt Staffan Holm dabei ganz auf seine Schauspieler. Zu Shakespeares Stück fällt der Inszenierung leider nicht viel ein.

Text: Marcus Kirzynowski

Hamlet 1

Fallen dem Wahnsinn anheim: Prinz Hamlet (Aleksandar Radenkovic) und seine Ophelia (Lea Draeger)

Im einfallslosesten Bühnenbild der jüngeren Theatergeschichte – das aus nichts als hohen, mit Goldtapeten überzogenen Wänden besteht -, tanzen Ophelia und Hamlet zu Beginn einen seltsam distanzierten Tanz. Der Song klingt nach Sex Pistols, stammt aber, wie alle Lieder des Abends, von der dänischen Punkband Sort Sol , sein Titel gibt den Schauplatz des Stückes an: „Copenhagen“.

Mit seiner „Hamlet“-Inszenierung eröffnete Staffan Valdemar Holm nicht nur die neue Spielzeit, sondern auch seine Zeit als Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses – die Renovierung des Großen Hauses wurde erst kurz vor der Premiere abgeschlossen. Mit einem der größten Klassiker der Theaterliteratur kann man zunächst einmal nicht viel falsch machen, sollte man denken. Was Shakespeares Drama aber zu diesem Klassiker macht, bleibt nach mehr als drei Stunden seltsam unklar.

Hamlet 2

Gefangen im goldenen Käfig: das Ensemble

Regietheater scheint nicht Holms Sache zu sein, er setzt ganz auf seine Schauspieler. Was seine Idee von Hamlet ist, lässt sich auch nach der Aufführung nicht sagen. Die Leere zwischen den goldenen Wänden füllt er nicht aus. Die Motive der Figuren bleiben weitgehend im Dunkeln. Königsmörder und Thronfolger Claudius ist bei Holm ein Bürokrat der Macht, kein tyrannischer Bösewicht. Rainer Bock gibt ihn angemessen perfide, nur einmal darf er, im Alkoholrausch, aus der Rolle fallen und Gewissensbisse zeigen. Warum seine Schwägerin Gertrude ihn gleich nach dem Tod ihres Mannes geheiratet hat, bleibt unklar. Imogen Kogge wirkt in der Rolle weder besonders machtgeil, noch im geringsten verliebt.

Lediglich Aleksander Radenkovic bringt den zunehmenden Wahnsinn des Prinzen Hamlet aufs Eindrücklichste auf die Bühne. Er wütet und wimmert, schwitzt und spuckt, zürnt und zweifelt, leidet mit jeder Faser seines Körpers. Damit rettet der Hauptdarsteller den Abend so manches Mal vor der völligen Belanglosigkeit. Ihm zur Seite steht mit Lea Draeger eine eher untypische Ophelia, spindeldürr und mit biederem Haarschnitt, die jedoch in der zweiten Hälfte an Präsenz gewinnt, wenn ihre Figur ebenfalls dem Wahnsinn anheimfällt.

Hamlet 3

Behutsame Annäherung: Hamlet und Ophelia

Holm hat den Text um etwa eine Stunde gekürzt und behutsam modernisiert. Teilweise wirkt die Textvorlage merkwürdig verhackstückelt. Man muss den Hamlet nicht unbedingt seinen berühmten Monolog mit dem Totenschädel in der Hand aufsagen lassen. Warum aber hat Holm die ganze Szene an Yoricks Grab in zwei Teile aufgesplittet, lässt Hamlet erst völlig unvermittelt den Monolog halten und ihn erst nach der Pause auf Yoricks sterbliche Überreste treffen? Zudem hat er den Text mit Versatzstücken von Goethes „Urfaust“ bis Ingmar Bergmans „Fanny und Alexander“-Film durchsetzt.

Aus letzterem hat er einen Monolog entlehnt, der dem langjährigen Ensemblemitglied Marianne Hoika Gelegenheit gibt, sich vom Düsseldorfer Publikum zu verabschieden. „42 Jahre habe ich hier Monologe gehalten“, sagt sie in der Rolle des Schauspielers im Stück. Auch diesmal muss sie zudem wieder als Rosenkranz und als Matrose und als Bote und als Diener in verschiedenen Neben- und Kleinrollen agieren. Ob das Lücken im Ensemble zu schulden ist oder ob es irgendeinen inhaltlichen Zweck erfüllen soll, dass eine doppelt so alte Schauspielerin den jungen Rosenkranz spielen muss, bleibt das Geheimnis des Regisseurs. Lieber hätte man sie zum Abschied als Gertrude in einer Hauptrolle gesehen, zumal Kogge als Königin sehr blass bleibt.

So ideenlos wie Bente Lykke Mollers Bühnenbild und die fast gänzlich fehlende Requisite sind auch ihre Kostüme. Von der Kleidung der Protagonisten her könnte das Stück auch in der Vorstandsetage der Deutschen Bank spielen statt im Königsschloss Helsingör. Nach manchmal quälend langen 190 Minuten kommt dann tatsächlich noch Action ins Spiel, wenn die Schaupieler ihre Fechtkünste zeigen dürfen. Die universelle Bedeutung des Stoffs aber bleibt nur behauptet. Der Rest ist Schweigen.

Nächste Vorstellungen am 13., 25. und 30. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, Schauspielhaus, Gustaf-Gründgens-Platz, Düsseldorf-Stadtmitte

Fotos: Sebastian Hoppe / Düsseldorfer Schauspielhaus

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