Ordnungspolitik für Querulanten

Man kann nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt: Düsseldorfer Ordnungamt und brave Bürger im Kampf für die öffentliche Ordnung. Wie die unangemessene Reaktion auf eine öffentliche Kunstaktion einen entspannten Frühlingstag trübte.

Text: Marcus Kirzynowski

Arbeiterstatue

Musste nackt bleiben: der Hintern des Bergmanns auf dem Fürstenplatz

Friedrichstadt am ersten frühlingshaften Tag des Jahres. Der Fürstenplatz erwacht aus dem Winterschlaf: Wohin sich in den vergangenen Monaten nur einzelne ganz harte Kinder mit ihren Eltern verirrten, herrscht plötzlich wieder buntes Gewimmel. Die Klettergerüste sind ebenso besetzt wie die Parkbänke und die schmale Bank vor dem Fenster der bar apartment. Man hat das Gefühl, dass die ganze Stadt endlich wieder aufblüht. Wildfremde kommen miteinander ins Gespräch, jeder rückt noch ein Stück zur Seite, damit auch alle noch ein Plätzchen in der Nachmittagssonne abbekommen.

Kurz nach Fünf beleben einige junge Künstler die Szenerie zusätzlich: Sie beginnen, eine der überlebensgroßen Arbeiterstatuen des Industriebrunnens am Rande des Platzes mit einem roten Höschen zu bekleiden. Eine Aktion, die Blicke auf sich zieht: von Passanten, die interessiert und belustigt stehenbleiben, von den Gästen auf der Caféterasse gegenüber. Aber wohl leider auch von einem Anwohner, der nichts anderes zu tun hat als das Ordnungsamt anzurufen. Kurz darauf tauchen zwei blau uniformierte Beamte auf und fordern die jungen Leute auf, die Hose zu entfernen. Die Studentin Reka Böröcz, die die Aktion für eine Arbeit an der FH filmen will, sieht das zunächst gar nicht ein. Worauf die städtischen Mitarbeiter die Polizei einschalten.

Auf Nachfrage erklären die Ordnungsamts-Bediensteten, ohne Genehmigung des Kulturamtes seien solche “Veränderungen” an öffentlichen Einrichtungen nicht erlaubt. Und eine solche haben die jungen Künstler nicht. Ein Bürger habe sich bei der Stadt über die Aktion beschwert und die sei dann verpflichtet einzugreifen. Aufgabe des Ordnungsamtes sei schließlich, die öffentliche Ordnung zu bewahren. Und die scheint wohl gefährdet zu sein, wenn für kurze Zeit einmal etwas nicht so ist, wie es immer schon war. Wenn zum Beispiel ein sonst nur mit einem Lendenschurz bedeckter bronzener Bergmann einmal kurzzeitig seinen grünspanigen Hintern von einem Höschen verhüllt bekommt. Was wohl niemanden stört bis auf einen “Bürger”, der es vorzieht, anonym aus seiner Wohnung die Behörden zu alarmieren, statt einfach das Gespräch mit seinen Mitbürgern zu suchen.

Bei vielen Passanten stößt das Eingreifen der Beamten auf Unverständnis. Ein Mann bleibt stehen und argumentiert, die Freiheit der Kunst sei schließlich vom Grundgesetzt garantiert, deshalb brauche man keine Genehmigung für öffentliche Kunstaktionen. Das mag in anderen Städten stimmen, in Düsseldorf ist Kunst aber anscheinend nur Kunst, wenn sie vom Kulturamt genehmigt wurde.

Nachdem die städtischen Mitarbeiter die Personalien der KünstlerInnen aufgenommen und die eingetroffenen PolizistInnen sie noch einmal aufgefordert haben, die Statue wieder “auszuziehen”, entfernt Reka Böröcz die Hose widerwillig. Zur Anprobe des ebenfalls vorbereiteten Bikinioberteils wird es heute nicht mehr kommen. Es hätte ein rundum schöner, entspannter erster Frühlingstag werden können. Aber das ist in dieser Stadt, die sich nach außen hin so gerne als tolerant und lebensfroh darstellt, wohl zu viel verlangt.

Foto: kir

Dein Kommentar