Parkplätze statt Parks und Spielplätzen

Das neue B8-Center in Flingern zeigt beispielhaft die Irrwege der Düsseldorfer Stadtplanung: ein Einkaufszentrum, das niemand braucht, an einer Stelle, wo es nur stört - und die versprochenen Sozialwohnungen brauchen doch nicht gebaut zu werden. Ein Kommentar.

Text: Marcus Kirzynowski

B8-Center

Nicht, dass es nicht reichen würde, dass derzeit sowieso die halbe Düsseldorfer Innenstadt eine Großbaustelle ist (der Hofgarten wird scheinbar komplett zugeschüttet und neu gegraben, am Übergang von der Kö in die Altstadt hat man als Fahrradfahrer schon seit einem Jahr keine Chance mehr, sein Ziel zu erreichen, weil eine riesige U-Bahnbaustelle alle Wege abschneidet, und der Bilker Bahnhof versinkt wahrscheinlich demnächst in einer Baugrube, wenn Bilfinger & Berger hier genauso geschlampt haben wie in Köln, wofür es ja schon Indizien gibt).

B8-Eingang

Der Eingangsbereich ist noch das Beste: B8-Center Flingern

In Flingern hat im März mit dem B8 ein neues Einkaufszentrum eröffnet, das ein idealtypisches Beispiel für verfehlte Stadtplanung ist: Wo früher ein „Promarkt“ und eine Teppichhalle standen, hat man nun einen riesigen Betonklotz aus dem Boden gestampft. In dem finden sich im Wesentlichen drei größere Geschäfte: einen Baumarkt, einen Saturn und einen Lidl, dazu seit Kurzem noch ein Bowling-Center. Wobei Lidl und der Rest dann noch über jeweils verschiedene Eingänge zu erreichen sind, die ungefähr fünfhundert Meter auseinanderliegen.

Fahrräder

500 Parkplätze, aber Radfahrer müssen "wild parken"

Natürlich gibt es 500 kostenfreie Parkplätze, aber für Fahrradständer reichte augenscheinlich das Geld nicht mehr – es gibt nämlich keinen einzigen. Und das in einem Stadtteil, der zu den ärmsten in Düsseldorf gehört, und in dem wahrscheinlich 40 Prozent der Leute gar kein Auto haben. Die Autofahrer kommen aber vermutlich sowieso aus anderen Stadtteilen, und zwar an den ersten Tagen in so rauhen Mengen, dass es an der Kreuzung Erkrather/ Werdener Straße zu totalem Verkehrschaos kam. Die Verkehrsführung ist nämlich überhaupt nicht auf den neuen Mall-Parkplatz ausgerichtet; Abbiegespuren fehlen. Also fährt einfach jedeR, wie er oder sie lustig ist, Rückstaus und Autos, die bei Rot einfach weiter über Fußgängerüberwege fahren, inklusive.

Warum Saturn meinte, vom Wehrhahn in diesen Stadtteil ziehen zu müssen, wissen wohl nur die Oberen in deren Chefetage. Die Innenstadt geht immer mehr vor die Hunde, weil es dort kaum noch attraktive Geschäfte gibt, stattdessen zerstört man alte Arbeiterviertel am Innenstadtrand mit gesichtslosen Einkaufszentren, in deren Planung Fußgänger oder Radfahrer gar nicht mehr vorkommen. Gentrifizierung nennt man sowas wohl.

Mauer an der Kiefernstraße

Die AnwohnerInnen benennen ihn: der "Antikapitalistische Schutzwall"

Direkt hinter dem Parkplatz beginnt die bekannte Kiefernstraße. Dazwischen hat man eine Mauer gebaut, die tatsächlich wirkt wie der “antifaschistische Schutzwall”. In Berlin wollte man die Teilung überwinden, in Düsseldorf-Flingern wird sie gerade zementiert: Auf der einen Seite der Mauer die schöne neue Warenwelt des Westens, auf der anderen Seite die Häuser der Kiefern, die an dieser Stelle über die Mauer hinweg so wirken, als seien sie seit den 50ern nicht mehr angestrichen worden, also richtig ostig.

Parkplatz und Kiefernstraße

"Ost meets West": Getrennte Welten treffen aufeinander

In Städten wie Amsterdam, Kopenhagen oder Berlin würde man ja eine authentische, originell wirkende Straße wie die Kiefernstraße mit ihrem alternativen Flair und ihren teilweise farbenfroh bemalten Gebäuden als Touristenattraktion vermarkten, und so versuchen, einen Imagegewinn für die Stadt durch Präsentieren von Subkultur zu erzielen. In Düsseldorf zieht man lieber einen Zaun drum und hofft, dass kein Einkäufer diese “Schmuddelecke” wahrnimmt.

Bauwagen und Praktiker

Alternativkultur und Warenwelt: Bauwagen auf der Kiefern vor Praktiker-Markt

Laut der alternativen Stadtzeitung Terz gehörte ursprünglich zu den Auflagen der Baugenehmigung für das B8-Center, dort auch neue Sozialwohnungen zu schaffen. Wie die „Rheinische Post“ bereits im vergangenen Jahr berichtete , lehnte das Land die eingereichten Entwürfe aber ab, weil die vorgeschlagenen Standorte nicht für sozialen Wohnraum geeignet seien.

Wandgemälde

Und so farbenfroh sieht es auf der anderen Seite der Mauer aus

Eine absurde Argumentation, wenn man bedenkt, dass direkt am Center und dessen Parkplatz ja bereits städtische Wohnhäuser existieren – eben die auf der Kiefernstraße. Das Center durfte trotzdem gebaut werden, neue Wohnungen musste der Investor nun also nicht mehr schaffen, dafür sinkt für die Bewohner der angrenzenden Häuser die Lebensqualität.

Kiefern-Schild

Gegenwehr: Kiefernstraßen-BewohnerInnen stellen eigenes Verkehrsschild auf

Der neue Verbund der freien Kulturszene in Düsseldorf, “Freiräume für Bewegung”, hat auf einem rund um das Center aufgepappten Aufkleber schön zusammengefasst, worum es eigentlich in einer lebenswerten Großstadt gehen sollte: “Parks, Spielplätze und Wohnraum statt Parkplätze, Einkaufscenter und neue Bürobauten!” Nach Ansicht der Stadtspitze scheint aber in unserer schönen, schuldenfreien, CDU-regierten Stadt für normale Menschen, die kein dickes Auto, ebensolches Bankkonto und keine Lust auf monströse Architektur haben, kein Platz mehr zu sein.

Aktionsaufkleber

Gegenwehr II: Mit Alice gegen Einkaufszentren

Fotos: kir


Avatar von Sascha

Sascha (24.12.2011, 14:01): Kommentar zu "Parkplätze statt ..."

Hallo Zusammen und Frohe Weihnachten,
also ich kenne das B8 Center da ich dort für eine Firma wie Becker & Peterhoff zu ein Mini Lohn als Hausmeister gearbeitet habe.
1.: Das ganze gelände ist Planlos gebaut worden.
2.: So ein Beton Klotz möchte doch keiner , es hätte doch ein Central Park werden können mit Spielplätzen und so.
3.: Ich bin kein Freund von Kapitalismus.

Herzliche grüsse

Sascha

Avatar von Marcus

Marcus ( 9.06.2010, 11:50): Kommentar zu "Parkplätze statt ..."

Ich fand das eigentlich auch ganz clever, die Saturn-Werbefigur Cooper gegen Saturn bzw. deren Beteiligung an diesem überflüssigen Einkaufs"zentrum" einzusetzen.

Avatar von T...

T... ( 8.06.2010, 15:48): Kommentar zu "Parkplätze statt ..."

@Jörg
> Adbusters ist eine englischsprachige Wortkreation aus advertisement (Kurzform ad) für ‚Werbung‘ und dem Verb to bust, umgangssprachlich für ‚zerschlagen‘. Adbusters nennen sich Gruppierungen, die Werbung im öffentlichen Raum (Außenwerbung) verfremden, überkleben oder auf andere Weise umgestalten, um so deren Sinn umzudrehen oder lächerlich zu machen. Die Adbusters sind eine Form der Kommunikationsguerilla und kommen häufig aus der Streetart-Szene.

Bei den Aktionen der Adbusters handelt es sich um Kritik an der Konsumgesellschaft, an den Bildwelten der Werbefotografie und an einer von Adbusters kritisierten visuellen Umweltverschmutzung. Vor allem wird von ihnen beklagt, dass es kaum noch Lebensbereiche gebe, in denen man sich Werbung entziehen könne. (wikipedia)

Avatar von Jörg

Jörg ( 6.06.2010, 20:55): Kommentar zu "Parkplätze statt ..."

... aber mit Alice Cooper Gegenwehr zu demonstrieren, dürfte doch wohl vorbei sein, seit er sich nicht mehr auf abgeschlagenen Köpfen, sondern auf Vollwaschautomaten aufstützt. Das ist ja wie ein Außenminister, der mal Steine geschmissen hat.

Avatar von Marcus

Marcus ( 6.06.2010, 12:06): Kommentar zu "Parkplätze statt ..."

Ja, und wenn man als FußgängerIn vom Parkplatz in den Saturn will, muss man die Autoauffahrt hoch laufen, weil es keinen Aufzug oder Eingang ins Treppenhaus gibt. Der Skandal scheint mir aber eher zu sein, dass eine solche Fehlplanung von der Stadt eine Baugenehmigung erhalten hat.

Avatar von Ira

Ira ( 5.06.2010, 23:14): Kommentar zu "Parkplätze statt ..."

Der Wahnsinn ist ja, dass frau/man durch Saturn durch und über den Parkplatz muss, um zu Lidl zu kommen.
Dass der Mensch, der das geplant hat, sich überhaupt Architekt nennen darf, ist der erste Skandal, aus dem dann alle weiteren hervorgehen.

Dein Kommentar